M.U.T.-Gedanken

Viele Menschen kennen M.U.T. vielleicht dem Namen nach - aber noch längst nicht alle wissen, wer wir eigentlich sind, was wir tun und vor allem, warum wir es tun.

 

Mit unseren M.U.T.-Gedanken möchten wir genau das sichtbar machen: Wir geben Wissen weiter, machen neugierig und laden zum Nachdenken ein. Wir erzählen von Menschen, Tieren und Natur, von Begegnungen auf Augenhöhe und davon, was verantwortungsvolle tiergestützte Arbeit für uns bedeutet.

 

Im letzten M.U.T.-Gedanken habe ich Euch Amadeus vorgestellt – das kleine Pony, mit dem für mich 2019 vieles begann.

Doch da war noch ein anderes Tier.

Eine Eselstute, die damals ebenfalls im ehemaligen Vogel- und Tierpark in Neudorf lebte: Emma.

Emma ist ein Hausesel und wurde 2012 geboren. Wie lange sie damals schon im Vogelpark lebte, weiß ich nicht genau. Als ich 2019 wegen Amadeus begann, mich dort um die Tiere zu kümmern, war Emma jedenfalls schon da.Und ich merkte ziemlich schnell: Emma war eine ganz besondere Eselin.Sehr sensibel. Sehr vorsichtig. Und in manchen Situationen unglaublich ängstlich.

Kurz nachdem ich sie kennengelernt hatte, bekam Emma ein schweres Hufgeschwür. Sie musste zehn Tage in einer Tierklinik behandelt werden und auch danach noch über Wochen medizinisch versorgt werden. Ich hatte damals kaum Erfahrung mit Ponys und Eseln. Vieles musste ich selbst erst lernen.Und vielleicht begann genau damals etwas zwischen Emma und mir, von dem ich noch nicht ahnte, welche Bedeutung es einmal für mein Leben haben würde.

Emma ließ sich nicht einfach überall anfassen. Bürsten war schwierig. Hufe geben erst recht. Festgebunden zu werden machte ihr Angst. Ich konnte ihre Vergangenheit nicht ändern. Aber ich konnte versuchen, ihr zu zeigen, dass sie bei mir Zeit bekommt. Und davon brauchte Emma viel.

Als Emma später gemeinsam mit ihrer Tochter Ella in einen Pferdestall in einem Nachbarort zog, konnte ich mich endlich täglich intensiv um beide kümmern. Ich bürstete Emma, kratzte ihre Hufe aus und ging mit ihr spazieren. Was sich so selbstverständlich anhört, war es überhaupt nicht.

Fast ein Dreivierteljahr übte ich täglich mit ihr, bis Emma mir schließlich auch ihre Hinterhufe anvertraute.

Emma hat mir dabei etwas beigebracht, das ich bis heute nicht vergessen habe: Geduld.

Denn sobald ich ungeduldig wurde und zu viel wollte, machten wir keine zwei Schritte vorwärts – sondern gefühlt fünf zurück. Also musste nicht nur Emma lernen. Ich musste es auch.

Ich musste lernen, genauer hinzusehen. Ihre Reaktionen ernst zu nehmen. Einen Schritt zurückzugehen, wenn es ihr zu viel wurde. Und darauf zu vertrauen, dass Entwicklung nicht schneller wird, nur weil wir Menschen sie gerne beschleunigen möchten.

Und Emma überraschte mich. Denn wenn sie sich sicher fühlt und freiwillig mitmacht, lernt sie unglaublich schnell. Und nachtragend ist sie sowieso nicht. Doch eine Seite von Emma erstaunte mich ganz besonders.

Auf unseren Spaziergängen kamen wir regelmäßig an einem Spielplatz vorbei. Sobald die Kinder uns sahen, liefen sie zu uns und wollten die Esel streicheln. Und plötzlich war diese vorsichtige, sensible Eselin wie ausgewechselt. Emma ließ sich streicheln. Auch mehrere Kinder um sie herum machten ihr nichts aus. Und wenn wir einmal am Spielplatz vorbeikamen und kein Kind zu uns gelaufen kam? Dann zog Emma mich regelrecht in Richtung Spielplatz. Sie wollte zu den Kindern.

Bis heute hat Emma eine besondere Art im Umgang mit Kindern. Die sensible Eselin, die sich bei Erwachsenen häufig erst langsam annähert, wird bei ihnen manchmal zu einem richtigen „sanften Lämmchen“. Vielleicht spürt sie etwas, das wir Menschen gar nicht wahrnehmen. Vielleicht sind Kinder für sie einfach weniger bedrohlich. Ich weiß es nicht. Und vielleicht muss ich auch gar nicht alles erklären können.

Ich liebe alle unsere Tiere. Jedes von ihnen hat seinen eigenen Charakter und seinen ganz besonderen Platz bei M.U.T. Aber Esel berühren etwas in mir, das andere Tiere nicht auf dieselbe Weise erreichen. Und Emma? Emma ist für mich DER Esel.

Ich habe inzwischen viele Esel kennengelernt. Aber keiner ist für mich wie sie. Emma ist nicht diejenige, die sich in den Vordergrund drängt. Im Gegenteil. Wenn ein anderes Tier dazukommt – beim Streicheln, beim Füttern oder einfach bei der Aufmerksamkeit – nimmt sie sich häufig zurück.

Heute leben sieben Tiere bei M.U.T. Sie alle brauchen Versorgung, Aufmerksamkeit und Zeit. Dazu kommen die Arbeit auf dem Gelände und all die Aufgaben rund um unseren Verein. Und manchmal tut es mir leid, dass gerade für Emma dadurch weniger Zeit bleibt, als ich ihr eigentlich gerne schenken würde.

Vielleicht ist es gerade bei den Stillen besonders wichtig, genau hinzusehen.

Deshalb gibt es etwas, das Emma und ich uns bis heute bewahrt haben: Unser Gute-Nacht-Ritual. Wenn ich abends gehe, bekommt Emma ihren Gute-Nacht-Kuss auf die Wange. Und sollte ich ihn einmal vergessen und mich einfach verabschieden wollen, schaut sie mich mit ihren großen Augen an. Ich kenne diesen Blick. Und ich weiß genau: Da fehlt doch noch etwas.

Also gehe ich zurück. Und Emma bekommt ihren Kuss.

Vielleicht habe ich lange gedacht, dass vor allem Emma mich braucht. Schließlich habe ich mich um sie gekümmert, als es ihr schlecht ging. Ich habe versucht, ihr Sicherheit zu geben, Verantwortung für sie übernommen und ihr vor vielen Jahren etwas versprochen:

Ich werde alles versuchen, damit wir zusammenbleiben können.

Dieses Versprechen gilt für mich bis heute. Aber inzwischen weiß ich auch: Emma gibt mir mindestens genauso viel zurück. Wenn um mich herum wieder einmal alles zu viel wird, werde ich bei ihr ruhiger. Und wenn der Weg mit M.U.T. wieder einmal besonders steinig ist und viel Kraft verlangt, genügt manchmal ein Blick in Emmas Augen. Dann weiß ich wieder, warum es sich lohnt, diesen Weg weiterzugehen.

Ohne Emma und ihre Tochter Ella gäbe es M.U.T. heute wahrscheinlich nicht.

Denn irgendwann wusste ich, dass ich für die beiden einen Ort finden wollte, an dem ich selbst Verantwortung für ihre Haltung und Versorgung übernehmen und ihnen das geben konnte, was sie brauchten. Diese Suche wurde zu einem Teil des Weges, der schließlich zur Gründung von M.U.T. führte.

Emma ist mein Herztier.

🌿 Fortsetzung folgt…